
Bereits zum 18. Mal fand heuer die Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Parodontologie in St. Wolfgang am Wolfgangsee statt. Der malerische Urlaubsort ist ein besonderer Anziehungspunkt für viele Teilnehmer, die sich gerne ein paar Fortbildungstage inmitten der traumhaften Bergwelt des Salzkammerguts gönnen möchten. Das saftige Grün der Wiesen, die weißen Gipfel und das großteils sprichwörtliche Kaiserwetter verwöhnten die rund 400 Kongressteilnehmer.
Die Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Parodontologie (ÖGP) ist einer der wichtigsten Kongresse im deutschsprachigen Raum für den Fachbereich Parodontologie und nimmt einen festen Platz in den Terminkalendern von Zahnärztinnen und -ärzten, Assistentinnen und Assistenten sowie von Unternehmen aus der Dentalbranche ein. Die Besucher der ÖGP-Tagung schätzen seit geraumer Zeit die entspannte, lockere, mit fundierter Fortbildung und wissenschaftlichen Highlights gepaarte Atmosphäre.
„Wissen, was geht“ lautete auch heuer das Motto der Jahrestagung, womit die Veranstalter Kontinuität und Fortsetzung im Hinblick auf das vergangene Jahr signalisieren wollten. Das Generalthema „Qualität in der Parodontologie“ spiegelt das Ziel der ÖGP für ihre Mitglieder wider: Das Erarbeiten sicherer Grundlagen ermöglicht eine richtige Diagnosestellung. Eine fundierte Basistherapie hilft bereits einem Großteil der parodontal erkrankten Bevölkerung.
Den Mottos entsprechend widmeten die Tagungsleiter Doz. Dr. Werner Lill, Wien, und Dr. René Gregor, Wien, den Hörern ein interessantes, breit gefächertes Programm mit teilweise auch neuen Behandlungsansätzen.
Zunächst konnte aus 17 praktischen Workshops ausgewählt werden. Von parodontologischen und augmentativ implantologischen über psychopathologische Themen bis hin zu Fragen des Praxis- und Zeitmanagements war für jeden etwas dabei. Für Assistentinnen und Assistenten gab es zusätzlich die beliebten Kurse für Hand- und Ultraschallinstrumentation und Individualprophylaxe.
ÖGP-Präsident Dr. Wolfgang Müller, Bludenz, nahm traditionellerweise die Eröffnung vor, wobei er sich bei den Tagungsleitern und den vielfach schon langjährigen Teilnehmern bedankte und einen erfolgreichen Kongress wünschte. Eine Abordnung der Marktgemeinde St. Wolfgang ehrte anschließend den Initiator der Tagung, den Ehrenpräsidenten der ÖGP Prof. MR Dr. Peter Kotschy, der vor bald 20 Jahren die Veranstaltung hierher gebracht hatte, für seine Verdienste um den Ort und überreichte eine Ehrenurkunde und Ehrennadel.
Im Auftaktvortrag des wissenschaftlichen Programms sprach Univ.-Prof. Dr. Ulrich P. Saxer, bereits ein Stammgast bei der Jahrestagung, über Implantatrisiken. Er nannte die Behandlung von Periimplantitis als neue Herausforderung für Parodontologen und versuchte Ähnlichkeiten mit der Parodontitis herauszuarbeiten. Als biofilminduzierte Erkrankung gelten beide, wobei bei der Periimplantitis, die meistens aggressiver verläuft und in sehr kurzer Zeit enorme Knochendestruktionen nach sich ziehen kann, im Infiltrat Plasmazellen überwiegen. Hingegen ist die Parodontitis durch mehrheitlich lymphozytäre entzündliche Infiltrate gekennzeichnet. Auch das Spektrum vorherrschender typischer Keime zeigt gewisse Unterschiede, so kann z. B. ein Staphylococcus epidermidis gut um Implantate in Knochenzellen eindringen und sich so vor Antibiotika geschützt halten.
Saxer gab zu bedenken, dass man bei Taschentiefen von mehr als 4 mm auch mit Wechselwirkung im Hinblick auf den Gesamtorganismus rechnen muss und dass deshalb das Ziel der PA-Therapie die vollständige Eliminierung dieser erhöhten Sondierungstiefen sein muss. Dem entgegen werden Implantate aus verschiedensten Gründen oft in infracrestale und damit tief subgingivale Positionen gesetzt und damit von Anfang an Taschen akzeptiert.
Derzeit gibt es noch keine abgesicherten Therapiekonzepte, da eine Evaluierung der Periimplantitis unmöglich ist, sind doch Messungen der Sondierungstiefen sehr vom Zufall abhängig. Jede Sonde misst andere Werte und die Morphologie der Implantatschulter und Aufbauteile macht objektive Vergleiche unmöglich (siehe Plattform-Switching). Als Grundsatz gilt jedenfalls: Implantate gehören nur in einen parodontal sanierten Mund. Nebenbei findet Saxer in Patientengut mit schweren Parodontitisformen auch großteils erhöhte Risikofaktoren für koronare Herzkrankheit vor.
Über neue Erkenntnisse für die Implantation in der ästhetischen Zone sprach Dr. Ronnie J. Goené, Amsterdam. 57 % des horizontalen Knochenverlusts gibt es in den ersten drei Monaten nach einer Extraktion, wobei die Sofortimplantation den Prozess des „Bone Remodelings“ auch nicht ganz verhindern kann. Es muss daher immer langsam resorbierbares künstliches Knochenmaterial in den buccal verbleibenden Raum eingebracht werden, um die Kontur zu erhalten. Außerdem präsentierte Goené neue Techniken zur Alveolen-Versorgung bei verzögerter Implantationsplanung.
Systembiologisch vergleichende Beobachtungen zu Parodontitis und Krebs stellte Biochemiker Univ.-Prof. Mag. Dr. Florian Überall, Innsbruck, an. Das Versagen effektiver köpereigener Regulationselemente stellt hier wie dort ein zentrales Problem dar. Interessant der nicht unbedingt erwartete Seitenblick in das Gebiet der Naturmedizin mit ihren komplexen Arzneimittelmischungen, die in ihrer Ausgewogenheit von Wirkung und Nebenwirkung nicht verändert werden dürfen.
Anschließend gab es wieder etwas für die tägliche Praxis: Dr. Gerhard Igelhaut, Memmingen, stellte sein synoptisches Behandlungskonzept vor, das durch überaus klare Strukturen überzeugen kann. Die Parodontologie bildet darin den eindeutigen Mittelpunkt, um den sich andere Fachgebiete ranken. Zuvor hatte Igelhaut im Workshop-Teil eine neue Augmentationstechnik vorgestellt, die die misserfolgsreichen Knochenblocktransplantate ersetzen kann. Dabei wird mit thermoplastischen, resorbierbaren Folien aus Milchsäuremolekularketten eine feste Verschalung gebildet, mit Pins aus ebensolchem Material fixiert und mit partikulärem autologem und xenogenem Knochengemisch aufgefüllt.
Wann braucht ein Zahnarzt psychodiagnostisches Wissen? Ist eine Diskusluxation Ursache oder Folge von Beschwerden? Warum muss der Parodontologe gleich gute Augen wie Ohren haben? Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weisen 20 % der Patienten psychopathologische Symptome auf. Wie können wir mehr als nur eine Verlagerung dieser Symptome erreichen? Prof. Dr. Eelco C. J. Hakman, Bloemendaal, gab Tipps und Hilfestellung, wie durch rechtzeitiges Erkennen psychischer Probleme und ein richtiges Reagieren darauf die Patientenzufriedenheit wesentlich, um bis zu 60 %, gesteigert werden kann.
Die beliebten Live-OPs wurden dieses Jahr aus der Wiener Ordination Updent eingespielt. Es operierten Dr. Madeleine Aslund, Wien, DDr. Stefan Hienz, Wien, und Dr. Michael Müller, Wien. Neben regenerativ- und resektiv-chirurgischen Parodontaltechniken wurde auch navigiert implantiert. Dank der guten Übertragungsqualität konnten sich die anwesenden Teilnehmer von den erfolgreichen Operateuren einiges abschauen.
Im erstmals durchgeführten Praktikerforum präsentierten bekannte und verdiente Kollegen wie etwa Ehrenpräsident Prof. Dr. Peter Kotschy, Wien, Präsident Dr. Wolfgang Müller, Bludenz, und DDr. Fritz Mühltau, Eugendorf, ihre Praxiskonzepte, Fallbeispiele oder neue Behandlungsmethoden.
Das parallel laufende Programm für Assistentinnen und Assistenten orientierte sich prinzipiell an der Hauptthematik und wurde durch Praxisorganisations- und Hygienevorträge ergänzt. Nicht fehlen durfte der beliebte Bereich der Regulationstherapien und Entspannung, dieses Jahr mit Schwerpunkt Meridianmassage und morgendlichen Meditationsübungen.
Gut besucht und damit für die Industrie erfolgreich war auch die mittlerweile auf rund 50 Unternehmen ausgeweitete Dentalausstellung.
Die Jahreshauptversammlung der ÖGP sah dieses Jahr wieder die Neuwahl des Vorstandes vor. Präsident Dr. Wolfgang Müller, der acht Jahre lang die Geschicke der Gesellschaft mit großem Einsatz und viel Erfolg sehr umsichtig leitete, gab nach einem kurzen Rückblick auf seine Schaffensperiode gemeinsam mit Vizepräsident Dr. Walter Wadsak seinen Rückzug aus dem Vorstand bekannt. Der neue Wahlvorschlag zur Zusammensetzung des Vorstandes mit Doz. Dr. Werner Lill als Präsident wurde mit großer Mehrheit angenommen.
Dr. Müller wurde darauf zum zweiten Ehrenpräsidenten der Gesellschaft ernannt.
Der allseits beliebte Gesellschaftsabend auf Einladung der Österreichischen Gesellschaft für Parodontologie führte die Kongressteilnehmer ins Schloss Mondsee. Bei kulinarischen Köstlichkeiten und Live-Musik wurde Jungen und Junggebliebenen beste Unterhaltung geboten. Mit dabei war auch die große Gruppe der nationalen und internationalen Referenten, die gerne ihr Wiederkommen ankündigten.
Tagung der ÖGP in St. Wolfgang
23. - 25. April 2009
Wissen, was geht.
Bericht von Dr. Peter Schöberl
